Vermischtes no image

Erstellt am 23. September 2013 9

Massive Übergriffe auf die Gruppe Ultras Braunschweig beim Auswärtsspiel am 20.09.2013 in Mönchengladbach

Am Freitagabend, beim Auswärtsspiel von Eintracht Braunschweig bei Borussia Mönchengladbach, kam es in und vor dem Gästeblock zu massiven Übergriffen und Ausschreitungen gegen Ultras Braunschweig (UB) durch rechte Eintracht-Hooligans und Teile der Ultraszene. Diese erzeugten ein Bedrohungsszenario gegen die Gruppe Ultras Braunschweig, die unter diskriminierenden Beleidigungen sowie Schlägen und Tritten den Gästeblock verlassen musste. Hierbei wurden mehrere Personen der Gruppe Ultras Braunschweig leicht verletzt. Das restliche Spiel wurde von der Gruppe im Sitzplatzbereich verfolgt. Nach dem Spiel kam es zu einem Blocksturm des Sitzplatzbereichs von ca. 50-60 größtenteils vermummten Personen, welche die körperliche Auseinandersetzung mit den Ultras Braunschweig suchten. Erst durch das späte Einschreiten der Polizei konnte die Situation beruhigt werden.

Bereits im Vorfeld des Spiels diskutierten wir mit Vertreter_innen des Vereins und des Braunschweiger Fanprojekts das weitere Vorgehen, um eventuellen Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen. Seitens des Vereins Eintracht Braunschweig gab es hier die klare (und nachvollziehbare) Position, dass es keine „Sonderstellung“ für die Gruppe Ultras Braunschweig geben wird. Was bedeutet, dass wir uns bei Auswärtsspielen in den Stehplatzbereich der restlichen Braunschweiger Fanszene stellen sollen, wenn wir unserem Interesse an organisierter Unterstützung des Teams nachkommen wollen. Jenes taten wir als Gruppe bei dem besagten Auswärtsspiel vergangenen Freitag. Dies wurde, wie vereinbart, bereits frühzeitig in Richtung Verein und Fanprojekt kommuniziert.

Vor dem Spiel

Mit Öffnung der Stadiontore betraten wir den Gästebereich und platzierten uns im oberen Bereich des Gästeblockes. Nachdem einige Zeit später der Sonderzug aus Braunschweig, und damit auch der Braunschweiger Ordnungsdienst, ankam und den Gästeblock betrat, traten 8-10 Ordner_innen an unsere Gruppe heran und forderte uns auf, den Stehplatzbereich wieder zu verlassen und in den Sitzplatzbereich des Stadions zu wechseln. Nach längeren Diskussionen und mehrmaliger Hinweise unsererseits, dass wir es anders mit Eintracht Braunschweig abgesprochen hatten (und der Verein zur Normalisierung der Situation dies auch wünschte), kam der zuständige Fanbeauftragte des Vereines hinzu und forderte uns ebenfalls zum Verlassen des Stehplatzbereichs auf. Als Begründung hierfür gab dieser an, dass sie die ersten Einschätzungen revidieren müssten und es Anzeichen dafür gäbe, dass es zu Übergriffen auf unsere Gruppe kommen könnte. Personen unserer Gruppe verwiesen auf die vorigen Gespräche und gaben an, dass ein integrativer Prozess (wie vom Verein und Fanprojekt gefordert), wohl kaum möglich erscheint, wenn UB den Stehplatzbereich jetzt verlassen und sich in den Sitzplatzbereich stellen würde. Darüber hinaus ist es schlichtweg eine Farce, wenn diejenigen einen Stadionbereich zu verlassen haben, auf welche Gewalt ausgeübt werden soll. Daraufhin entfernte sich der Fanbeauftragte, um weitere Absprachen mit den Ordnungsdiensten zu tätigen.

Kurze Zeit später bewegten sich etwa 35 Personen in den oberen Bereich des Stehplatzbereichs, wo sich unsere Gruppe befand. Dieser Personenkreis bestand aus Mitgliedern der rechten Hooligangruppe „Fette Schweine“, Teilen der inzwischen aufgelösten rechten Hooligangruppe „Kategorie Braunschweig“ und vereinzelten Mitgliedern der Ultraszene und wurde angeführt von einem Mitglied der rechten Althooligangruppe „Alte Kameraden“. Nach einigem Abwarten zogen die Braunschweiger Ordner_innen schließlich eine Kette zwischen beiden Gruppen. Seitens der zum Teil vermummten Aggressoren kam es vereinzelt zu antisemitischen Beschimpfungen und Bedrohungen gegenüber unserer Gruppe. Ein weiterer Teil der Aggressoren bedrängte unsere Gruppe daraufhin aus dem oberen Teil des Gästeblockes und von der anderen Seite, wo sich zu diesem Zeitpunkt keine Ordner_innen befanden. Aussagen wie „Verpisst euch, ihr Antifafotzen“ und „Scheiß Zecken“ offenbaren die politische Motivation einiger an der Aktion federführend Beteiligten. Nachdem die Situation mehr und mehr zu eskalieren drohte, entschieden wir uns als Gruppe den Gästebereich durch ein enges Spalier zu verlassen. Hierbei kam es unter den Augen des Braunschweiger und des Mönchengladbacher Ordnungsdiensts zu diskriminierenden Beschimpfungen, Becherwürfen, Spuckattacken, Schlägen und Tritten auf Personen unserer Gruppe. Auch der Leiter des Braunschweiger Fanprojektes wurde nach eigenen Angaben von einer Person in den Rücken getreten.

Rechte Hooligans, welche zuvor unsere Gruppe massiv bedrängten, stimmten hierbei Parolen an: „Wir sind Braunschweiger und ihr nicht“ – „Wer Braunschweig nicht liebt, muss Braunschweig verlassen“, welche traurigerweise von anderen, unbeteiligten Eintracht-Fans mitgetragen wurden.

Auch vor dem Gästeblock warteten einige Personen auf unsere Gruppe und es kam zu wüsten Beschimpfungen. Die Gruppe Ultras Braunschweig wurde daraufhin in einem Kessel aus Ordner_innen in den Sitzplatzbereich des Gästeblock gebracht.

Von unserer Gruppe gingen hierbei zu keinem Zeitpunkt Gewalt oder Pöbeleien aus. Dieses kann durch den Ordnungsdienst aus Braunschweig und Mönchengladbach, den Fanbeauftragten des Vereins Eintracht Braunschweig und die Mitarbeiter_innen des Fanprojektes bezeugt werden.

Während des Spiels

Nachdem wir als Gruppe den Sitzplatzbereich des Stadions betreten hatten, entschieden wir uns aufgrund der Ereignisse, auf organisierte Unterstützung zu verzichten. Während des Spiels kam es immer wieder zu Provokationen aus dem Stehplatzbereich. Insbesondere Mitglieder der Fetten Schweine, einer davon mit Kleidung der rechten Modemarke Thor Steinar, provozierten durch das Zeigen des „Hitler-Gruß“ und das gleichzeitige Präsentieren eines Trikots mit der Rückennummer 18 gezielt in unsere Richtung (in der rechten Szene steht die 18 für die Buchstaben A und H im Alphabet, was auf die Initialen Adolf Hitlers anspielt).

Im Sitzplatzbereich selbst postierte sich im Laufe der zweiten Halbzeit ein Mitglied der Alten Kameraden direkt hinter unseren Plätzen, beleidigte Personen aus unserer Gruppe fortwährend sexistisch und mit rechten Parolen und warf einen Becher nach ihnen.

Nach dem Spiel

Wir verweilten nach Spielende noch im Block, um ein erneutes Aufeinandertreffen vor den Stadiontribünen zu verhindern. Beim Verlassen des Sitzplatzbereiches der anderen Eintracht-Anhänger_innen kam es mehrfach zu Beschimpfungen. Neben Sprüchen wie „verpisst euch“ folgte auch die erschreckend häufig vorkommende Äußerung „du/ihr Jude/n“. Als sich nur noch wenige Fans im Gästeblock befanden, näherten sich unserer Gruppe drei Personen, welche der rechten Althooligangruppe Alte Kameraden zugeordnet werden konnten. Diese begannen damit unsere Gruppe mit eindeutig rechten Beleidigungen zu beschimpfen, schließlich griffen sie eine Person mit einem Faustschlag ins Gesicht an. Es kam in Folge dessen zu einer körperlichen Auseinandersetzung, welche durch den Ordnungsdienst und die heraneilende Polizei beendet werden konnte. Während dieser Gemengelage stürmten ca. 50-60 Personen zum Teil vermummt durch den zweiten Eingang des Sitzplatzbereiches. Als diese im unteren Teil des Blockes nicht weiter vorrücken konnten und sich auf Becherwürfe, Spuckattacken und Beleidigungen beschränkten, kletterten Teile der Angreifer über die Sitzplätze in den oberen Bereich der Tribüne und versuchten auf diesem Wege zu uns zu gelangen. Dieser Versuch konnte durch das Vorrücken der Polizei unterbunden werden. Parallel hierzu musste die Polizei das Stürmen des Sitzplatzbereiches durch weitere Personen mittels Pfefferspray unterbinden. Beteiligt an diesen Blocksturm waren neben Teilen der Ultraszene, Mitglieder der rechten Fangruppierung Exzess Boys, sowie der rechten Hooligangruppen Alte Kameraden, Fette Schweine und Personen der inzwischen aufgelösten Gruppierung Kategorie Braunschweig. Beschimpfungen wie „du/ihr Jude/n“, „Verpisst euch, ihr Antifafotzen!“ und Gesänge wie „Wer Braunschweig nicht liebt, muss Braunschweig verlassen“ wurden während des Angriffes mehrfach geäußert. Nachdem die Angreifer durch die Polizei abgedrängt werden konnten, sammelte sich unsere Gruppe im Bereich des Ausgangs, konnte diesen aber nicht über die Treppe aus dem Stadion verlassen, weil dort immer wieder Personen versuchten, zu uns durchzudringen.

Nachdem sich die Lage vor der Tribüne einigermaßen beruhigte, mussten wir als Gruppe das Stadion im Polizeikessel durch den Heimbereich in Richtung Parkplatz verlassen. Hierbei folgten uns einige Personen und es kam wiederholt zu persönlichen Beschimpfungen wie: „(Name), du linke Fotze“. Auf dem Parkplatz angekommen versuchten erneut einige Personen aus Richtung Stadion zu uns vorzudringen, ließen aber aufgrund des großen Polizeiaufkommens von ihrem Vorhaben ab. Erst nach Abwarten der Abreise der anderen Stadionbesucher_innen konnten wir die Rückfahrt nach Braunschweig antreten.

Die Ereignisse setzen die Linie der Eskalation der überwiegend rechts motivierten Übergriffe in den letzten Jahren gegenüber Ultras Braunschweig fort

Wir fragen uns an dieser Stelle, was noch passieren muss, bis Verein, Fanprojekt und Polizei ihren Umgang mit der rechten Hooliganszene ändern. Die Ereignisse fügen sich ein in die Reihe zahlreicher Übergriffe auf unsere Gruppe in den letzten Jahren, bei welchen es immer um Einschüchterung einer Gruppe geht, der mit ihrer antifaschistischen Grundhaltung kein Platz in der Braunschweig Fanszene gegeben werden soll. Es sollen dadurch Werte verdrängt werden, die einen demokratischen Grundkonsens in unserer Gesellschaft darstellen. Zahlreiche Äußerungen an diesem Tag und auch die Tatsache, welche Gruppen bei den Angriffen federführend gewesen sind, zeigen was für eine Motivation hinter diesen Übergriffen steht. Dass maßgeblich Mitglieder der seitens Polizei und Verein als nicht mehr relevant geglaubten, rechten Alt-Hooligangruppe Alte Kameraden als Rädelsführer agierten, zeigt auf, dass es eine Lächerlichkeit darstellt, in Braunschweig nicht von rechten Hooliganstrukturen sprechen zu wollen.

Auch die uns zugetragenen Informationen über die Umstände auf der Fahrt des Sonderzuges, geben einen erschreckenden Einblick, wie es um die politische Gesinnung einiger Gruppierungen steht. Gesänge wie „Erste Klasse, für die weiße Rasse“ und ähnliche Parolen, werfen ebenfalls tiefe Abgründe auf.

Nur mit Glück gab es an diesem Tag keine schwerer Verletzten. Wir fragen uns: Muss es erst soweit kommen, bis von symbolischen Aktionen und Lippenbekenntnissen Abstand genommen und endlich gegen rechte Umtriebe vorgegangen wird?

Wir als Gruppe haben im Vorfeld mehrmals darauf hingewiesen, dass unsererseits kein Interesse an gewalttätigen Auseinandersetzungen existiert. Wir beschränken uns lediglich auf das Verteidigen unserer eigenen körperlichen Unversehrtheit. Dieses Vorgehen kann durch Ordnungsdienst, Polizei und Fanprojekt bestätigt werden. Gleichzeitig haben wir uns zu jedem Zeitpunkt sehr kooperativ verhalten, was ebenfalls durch den Ordnungsdienst bestätigt werden kann.

Es stellt eine erschreckende Tatsache dar, dass in Braunschweig diejenigen einen Block verlassen müssen, welche aufgrund ihrer antifaschistischen und antidiskriminierenden Grundhaltung für einige ein Dorn im Auge sind. Es ist eine Bestätigung für rechte Gewalttäter, wenn diese durch ihr Handeln und dauerhaftes Vorgehen gegen unsere Gruppe, solche Ergebnisse erzielen.

Wir fordern daher:

  • Fortsetzung und Ausweitung des eingeschlagenen Wegs gegen (rechten) Hooliganismus in Braunschweig.
  • Schluss mit der Verharmlosung rechter Gewalt und eine klare Benennung der Täter und ihrer Sympathisanten durch Verein und Fanprojekt. Es bringt nichts, immer wieder von nicht vorhandenen Strukturen zu sprechen (Geschäftsführung Eintracht Braunschweig), aber gleichzeitig die agierenden Gruppen wie Alte Kameraden, Fette Schweine und Exzess Boys nicht beim Namen zu nennen.
  • Daher: Eine klare Distanzierung von diesen rechten Gruppierungen, wie sie auch bereits der regionale Rechtsextremismus-Experte Reinhard Koch vor einiger Zeit gefordert hat
  • Aufklärung der Eintracht-Fans über die Aktivitäten und Strukturen rechter Hooligans in Braunschweig
  • Schluss mit der Gleichsetzung von rechter Gewalt mit antifaschistischem und antidiskriminierendem Engagement von couragierten Eintracht-Fans und der Gruppe Ultras Braunschweig
  • Ausweitung der Präventivarbeit durch das Fanprojekt und den Verein Eintracht Braunschweig. Mehr finanzielle Mittel durch die zuständigen Institutionen und den Verein Eintracht Braunschweig, um gegen Nazis bzw. Diskriminierung und Gewalt zu sensibilisieren

Für uns als Gruppe steht jedenfalls auch nach den jüngsten Ereignissen fest: Wir werden nicht damit aufhören, gegen rechte Umtriebe und Diskriminierung vorzugehen. Wir werden uns nicht den Einschüchterungsversuchen gegenüber unsere Gruppe beugen und aufhören Spiele unserer Eintracht zu besuchen und das Team zu unterstützen. Unsere Liebe zu unserem Verein und auch unsere antifaschistischen Grundwerte sind stärker als eure Gewalt.

Wir setzen weiterhin auf Dialog mit denjenigen, die einen Dialog wollen und grundsätzliche rechte Umtriebe ablehnen. Wir rufen alle diejenigen auf, sich mit uns zu solidarisieren und gemeinsam aktiv zu werden gegen rechte Hooligans und Diskriminierung im Stadion.

Wir bedanken uns an dieser Stelle für die zahlreichen Solidaritätsbekundungen aus nah und fern.

 

Ultras Braunschweig am 22. September 2013


Über den Autor



Zurück nach Oben ↑